Im Spiegel

Haare wachsen immer, auch wenn man unter einer Brücke schläft. Anna Tschannen schneidet sie obdachlosen Frauen und Männern für fünf Franken. In einem hellen Zimmer mit grossem Spiegel beobachten sie Anna bei ihrer Arbeit. Sie führt sie sorgfältig und bedächtig aus, gerade so, als wollte sie ihren Kundinnen genügend Zeit zum Erzählen geben. Über die Zeit verdichten sich die Berichte der Obdachlosen zu traurigen Biografien von Einsamkeit, Scham, Gewalt, Drogen und Flucht.

Ramon Gigers Kamera begleitet Markus, Aarold, Urs und Lilian auf ihren Streifzügen. Immer sind sie unterwegs, niemals zu Hause. Sorgfältig komponierte Tableaus zeigen in Variationen das gleiche Bild: Menschenströme, die an den wartenden Obdachlosen vorbeiziehen ohne innezuhalten, als sähe man sie nicht, als gäbe es sie nicht.

Unvergessliche Sätze, die Anna Tschannen in ihrem mobilen Coiffeursalon vernommen hatte, schrieb sie in ein Buch. Es sind Erkenntnisse von Menschen in Wartehäuschen, die alle Zeit haben zu beobachten. Diese Erkenntnisse sind wertvoll für hastende Zeitgenossen, die keine Zeit haben, sich diese Gedanken zu machen.

Matthias Affolters Film vermittelt uns Zuschauenden eine Perspektive, die wir normalerweise meiden, auf eine eingängliche Weise. Wir verstehen, dass das Schicksal von Urs, Aarold, Markus oder Liliane auch das unsrige sein könnte. Die Geschichten verdeutlichen, es braucht wenig, um zu straucheln.

«Im Spiegel», Schweiz 2019, Regie: Matthias Affolter, Besetzung: Anna Tschannen, Urs Saurer, Lilian Senn; Verleih: Royal Film, Internet: https://www.royal-film.ch, Filmwebsite: https://www.im-spiegel.ch

Kinostart: 14. Januar 2020

Der Artikel erscheint am 14. Januar bei Medientipp.ch